 {"id":1164,"date":"2018-04-11T15:19:24","date_gmt":"2018-04-11T13:19:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.univ-tlse2.fr\/garaison\/?page_id=1164"},"modified":"2018-04-11T16:08:11","modified_gmt":"2018-04-11T14:08:11","slug":"die-aufzeichnungen-von-helene-fuernkranz","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.univ-tlse2.fr\/garaison\/temoignages\/zeugenschaften\/die-aufzeichnungen-von-helene-fuernkranz\/","title":{"rendered":"Die Aufzeichnungen von H\u00e9l\u00e8ne F\u00fcrnkranz"},"content":{"rendered":"<h3><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #808000\"><strong>DIE AUFZEICHNUNGEN VON H\u00c9L\u00c8NE F\u00dcRNKRANZ<br \/>\n<\/strong><\/span><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #808000\"><strong>von ihrer Enkelin, Linde Rachel<\/strong><\/span><\/h3>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe meine Gro\u00dfmutter, H\u00e9l\u00e8ne F\u00fcrnkranz, nie kennengelernt. Sie ist am 16. November 1936, ungef\u00e4hr sechs Jahre nach meiner Geburt, gestorben. Bei uns zu Hause gab es ein paar Spuren von ihr, insbesondere Malereien, eine M\u00e4rchensammlung, die sie verfasst hatte, ein gro\u00dfes Klavier. Im Laufe der Jahre sind diese Spuren verblichen, zum Teil durch Verschulden meiner Mutter, Eve, die im Erwachsenenalter an etlichen depressiven Anf\u00e4llen litt; sie hat mir wenig von H\u00e9l\u00e8ne erz\u00e4hlt, aber der Name Notre-Dame de Garaison bleibt tief in mein Kindheitsged\u00e4chtnis eingeritzt, denn meine Mutter hat oft von dieser Periode ihres Lebens, die sie als eine der positivsten und markantesten erlebt hat, erz\u00e4hlt\u2026 Ist es ein Zufall, der mich eines Tages im Januar 2014 dazu brachte, den Namen H\u00e9l\u00e8ne F\u00fcrnkranz in eine Suchmaschine einzugeben? Ich habe so ihr Journal entdeckt, bei einem deutschen Antiquar, der sein Inventar online gestellt hatte<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Recherchen in unterschiedlichen Archivdiensten in Frankreich, \u00d6sterreich und der Schweiz haben dabei geholfen, eine Skizze ihrer Erfahrungen und jener ihrer Familie anzufertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Trotz allem wissen wir nur wenige Dinge \u00fcber H\u00e9l\u00e8ne: Sie ist in Wien geboren, in Paris und Nordirland aufgewachsen, zusammen mit ihrer Schwester, die Karriere als Operns\u00e4ngerin machte. Alle beide scheinen eine solide k\u00fcnstlerische Ausbildung genossen zu haben \u2013 Musik, Malerei, Schrift. H\u00e9l\u00e8nes Vater stellt sich als Privatier vor: Sein Vater war Polizeichef und Gemeinderat in Wien; seine Mutter die Tochter eines Waffenherstellers, der die \u00f6sterreichisch-ungarische Armee belieferte. Im Alter von 29 Jahren bekommt H\u00e9l\u00e8ne einen Sohn, Wilson, der in Triest geboren wird; sie heiratet zwei Jahre sp\u00e4ter in S\u00fcdtirol ihren deutschen Cousin, Wilhelm F\u00fcrnkranz. Wilhelm ist Offizier in der \u00f6sterreichisch-ungarischen Armee und H\u00e9l\u00e8ne lebt bei ihrem Vater. Man wei\u00df nicht, ob Wilson, der einen irl\u00e4ndischen Vornamen tr\u00e4gt, das Kind von Wilhelm ist oder nicht. Als H\u00e9l\u00e8ne und Wilhelm beschlie\u00dfen zu heiraten, besteht die Familie scheinbar darauf, dass Letzterer die Armee verl\u00e4sst und ein Ingenieurdiplom erwirbt. Das Paar l\u00e4sst sich vor Mai 1907 in Bois-Colombes nieder, dem Jahr, in dem meine Mutter in dieser Stadt geboren wurde. Wilhelm ist Ingenieur bei Westinghouse, einer internationalen Gesellschaft mit Sitz in einem Pariser Vorort. Da er mit der Planung und Organisation der Fabriken der Gruppe betraut ist, reist Wilhelm viel in Europa und sogar in den Vereinigten Staaten. Meiner Mutter zufolge hingen die Kinder sehr an ihrem Gro\u00dfvater: Es ist \u00fcbrigens er, der der Geburt meiner Mutter 1907 in Bois-Colombes beiwohnt, w\u00e4hrend Wilhelm wieder einmal auf Dienstreise ist. Aufgrund der h\u00e4ufigen Abwesenheit ihres Mannes, versorgt H\u00e9l\u00e8ne ihre siebenk\u00f6pfige Familie mithilfe eines Dienstm\u00e4dchens aus S\u00fcdtirol und einer bretonischen Kinderfrau, besonders als die M\u00e4dchen noch klein sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">H\u00e9l\u00e8ne stammt aus einer b\u00fcrgerlichen, kosmopolitischen und dreisprachigen Familie, die sich in Europa frei von einem Land zum anderen bewegt. Ihr Sohn Wilson wird in Triest geboren, dann jedes der drei M\u00e4dchen in einem anderen Land: \u00d6sterreich, Frankreich, Schweiz. Eine \u00f6sterreichische Familie, deren drei Erwachsene, Vater, Mutter und Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, in Wien geboren sind. H\u00e9l\u00e8nes Vater heiratete 1867 in Paris die Tochter eines irischen Pastors; nach dem Tod seiner Frau lie\u00df er sich mit seiner \u00e4ltesten Tochter in S\u00fcdtirol nieder, einer Bergregion, die die Familie liebt. Die Familie lebt haupts\u00e4chlich in Frankreich; H\u00e9l\u00e8ne und ihre Schwester werden in Frankreich und Irland aufgezogen; sie betrachten \u00d6sterreich, Frankreich und Irland gleicherma\u00dfen als ihre Heimat. Dennoch wird H\u00e9l\u00e8ne nie nach Wien, in ihre Geburtsstadt, zur\u00fcckkehren und nach ihrer Ankunft in der Schweiz 1915 l\u00e4sst sie sich endg\u00fcltig in der Deutschschweiz nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">H\u00e9l\u00e8nes Aufzeichnungen beginnen am 1. August 1914. Sie liefern eine detaillierte Beschreibung der Erfahrungen einer \u00f6sterreichisch-irischen Familie, die zur Zeit der Mobilmachung gut in die franz\u00f6sische Nachbarschaft in Bois-Colombes integriert ist. Der Bericht gibt sehr wenig \u00fcber den historischen Kontext, die politische Atmosph\u00e4re oder die Familie preis. Der Zugang ist eher jener eines Reisejournals als eines Tagebuchs. H\u00e9l\u00e8ne ist 46 Jahre alt, als sie diesen Text schreibt, sie hat vier Kinder, einen Sohn und drei T\u00f6chter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was wir \u00fcber H\u00e9l\u00e8ne wissen, entspricht nicht dem Profil einer den Konventionen ihrer Zeit unterworfenen Frau. Daran gew\u00f6hnt, mit komplizierten Situationen in ihrer Familie umzugehen und mit kulturellen und sozialen Aktivit\u00e4ten besch\u00e4ftigt, scheint sie von den Geschehnissen nicht ersch\u00fcttert zu sein; sie fand Zeit und Nerven, um ein Journal zu f\u00fchren, das von einer schwierigen Reise und neun Monaten Internierung berichtet. Nach H\u00e9l\u00e8ne sind ihre Aufzeichnungen nicht mehr als ein pers\u00f6nliches Zeugnis, ohne politischen oder sonstigen Hintergedanken. Es ist jedoch klar, dass diese \u201epers\u00f6nliche\u201c Geschichte sich in die gr\u00f6\u00dfere einschreibt, die die Zivilisten, die von einem Tag auf den anderen zu Staatsfeinden geworden sind, erleben. Die Heftigkeit dieses \u00dcbergangs wird durch einen symbolischen Akt markiert: Man t\u00f6tet die geliebten Tauben, um die Familie unterwegs zu ern\u00e4hren\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">H\u00e9l\u00e8ne und ihre drei T\u00f6chter verlassen das Lager Garaison am 9. Juni 1915 in Richtung Schweiz; ihr Mann und ihr Sohn bleiben bis Januar 1917. Ungef\u00e4hr zwei Monate nach der Niederlassung H\u00e9l\u00e8nes in Aarau schreibt sie ihren Bericht ausgehend von handgeschriebenen Aufzeichnungen; er wird ver\u00f6ffentlicht, zuerst in Form einer Serie in einer Zeitung des Kantons, dem <em>Aargauer Tagblatt<\/em>. H\u00e9l\u00e8ne z\u00f6gerte also nicht, ihren Text<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu ver\u00f6ffentlichen, trotz der abertausend Aufgaben, die sie in Beschlag nahmen. In der Tat muss sie in der Schweiz das \u00dcberleben ihrer Familie sichern, ganz ohne Mittel: H\u00e9l\u00e8ne gibt Malkurse; sie begleitet Stummfilme im Kino am Klavier. Sie muss sich auch um den in Bois-Colombes verbliebenen Besitz k\u00fcmmern. Gleichzeitig erm\u00f6glicht ihr das Journal vielleicht, ihren Ansuchen bei den Beh\u00f6rden der Schweiz, Frankreichs, \u00d6sterreichs und des Roten Kreuzes Nachdruck zu verleihen\u2026 Denn nach der Freilassung H\u00e9l\u00e8nes ist der Briefverkehr des Paares w\u00e4hrend mindestens drei Monaten unterbrochen. Sie erledigt die Beh\u00f6rdeng\u00e4nge in Bern, in Z\u00fcrich, wegen verschiedener Formalit\u00e4ten; sie wird auf Anordnung aus Berlin ins deutsche Konsulat in Basel bestellt. Die Tatsache, dass ihr Mann und ihr Sohn sich noch in Garaison befinden, hat vielleicht zu einer gewissen Selbstzensur ihrer Texte gef\u00fchrt. Denn Wilhelm und Wilson erleiden Strafen, die zunehmend h\u00e4ufiger und schwerwiegender werden; am 15. November 1916 zeichnet der Leiter des Lagers in einem Bericht ein recht negatives Bild, vor allem von Wilhelm. Dennoch empfiehlt er die Abreise der beiden M\u00e4nner in die Schweiz\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In ihrem Bericht \u00e4u\u00dfert H\u00e9l\u00e8ne kaum Urteile; sie nimmt die Rolle der Beobachterin ein. Es ist vielleicht diese Distanz, die dem Text historischen Wert verleiht: H\u00e9l\u00e8ne ist vielmehr Vermittlerin denn Subjekt oder Opfer der Geschichte\u2026 Das Journal von H\u00e9l\u00e8ne F\u00fcrnkranz tr\u00e4gt zum Erhalt des Ged\u00e4chtnisses bei, umso mehr als nur wenige Spuren von der pers\u00f6nlichen Korrespondenz bleiben, die zu jener Zeit so bedeutend war; ein paar Fragmente davon existieren in den Akten, die im Archiv des Departements Hautes-Pyr\u00e9n\u00e9es aufbewahrt sind, dank der Zensur des Lagers Garaison\u2026 Dennoch bleiben Fragen offen: Warum hat man zwei M\u00e4nner in wehrpflichtigem Alter in die Schweiz ziehen lassen? Warum die Anordnung aus Berlin, meine Gro\u00dfmutter, eine \u00d6sterreicherin, ins deutsche Konsulat in Basel zu bestellen? Was ist aus dem Hab und Gut der Familie geworden?<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Linde Rachel, Juni 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\u00dcbersetzt von Marie-Christin Bugelnig <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Helene F\u00fcrnkranz, <em>In franz\u00f6sischer Kriegsgefangenschaft: Momentaufnahmen aus <\/em><em>dem Leben einer Austro-Boche Familie in Paris, Flers (Normandie), Garaison (Pyren\u00e4en)<\/em>, Aarau, 1915.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> 1917 ver\u00f6ffentlicht H\u00e9l\u00e8ne F\u00fcrnkranz einen weiteren Text \u00fcber ihre Erlebnisse in Garaison, ein Operettenlibretto, in dem unter anderem die Schw\u00e4chen des Lagerkommandanten verspottet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0Der franz\u00f6sische Originaltext erscheint in: Leroy-Castillo Pascale, Guinle-Lorinet Sylvaine (Hg.), <em>\u00catre prisonnier civil au camp de Garaison (Hautes-Pyr\u00e9n\u00e9es), 1914-1919. Carnet de photographies<\/em>, Pau, Cairn, Mai 2018.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; DIE AUFZEICHNUNGEN VON H\u00c9L\u00c8NE F\u00dcRNKRANZ von ihrer Enkelin, Linde Rachel Ich habe meine Gro\u00dfmutter, H\u00e9l\u00e8ne F\u00fcrnkranz, nie kennengelernt. Sie ist am 16. November 1936, ungef\u00e4hr sechs Jahre nach meiner Geburt, gestorben. Bei uns zu Hause gab es ein paar Spuren von ihr, insbesondere Malereien, eine M\u00e4rchensammlung, die sie verfasst hatte, ein gro\u00dfes Klavier. 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