 {"id":1176,"date":"2018-07-15T20:53:43","date_gmt":"2018-07-15T18:53:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.univ-tlse2.fr\/garaison\/?page_id=1176"},"modified":"2019-04-17T14:23:36","modified_gmt":"2019-04-17T12:23:36","slug":"bernt-bartels","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.univ-tlse2.fr\/garaison\/temoignages\/zeugenschaften\/bernt-bartels\/","title":{"rendered":"Erinnerungen von Bernt Bartels"},"content":{"rendered":"<h3><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #808000\"><strong>ERINNERUNGEN<br \/>\n<\/strong><\/span><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #808000\"><strong>von Bernt Bartels<\/strong><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blogs.univ-tlse2.fr\/garaison\/files\/2019\/04\/Traduction-BARTELS.pdf\"><em><strong>Bericht in franz\u00f6sischer Sprache<\/strong><\/em><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify\">Mein Vater, Hans Boike Bartels, ist 1886 als J\u00fcngster von 6 Br\u00fcdern und 1 Schwester in Oldenburg auf einem Bauernhof geboren. Die Familie war seit 400 Jahren dort ans\u00e4ssig, auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde St. Anna in Gro\u00dfenmeer stehen heute noch die Grabdenkm\u00e4ler (Stelen) der Vorfahren. Keiner der S\u00f6hne wollte den Hof \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mit 17 Jahren wurde mein Vater der Schule verwiesen, weil er der &#8222;Camera Obscura&#8220; angeh\u00f6rte (das war eine Sch\u00fclerverbindung, die in dem Gymnasium nicht geduldet wurde). Er ging nach London, wo sein Bruder Karl lebte, und begann dort eine Lehre bei der Deutschen Bank. Er begegnete L\u00e9ona Jonchery, die er heiratete. Mit ihr zog er nach Paris und arbeitete im Bankgesch\u00e4ft des Herrn Briel, der in zweiter Ehe mit L\u00e9onas Mutter lebte. Am 26. April 1910 wurde Maurice geboren. Es gibt noch Photos von meiner Gro\u00dfmutter Bartels und dem kleinen Maurice vor dem Schlo\u00df Versailles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs wurde mein Vater in Garaison interniert.\u00a0 Dort hat mein Sohn Georg die Spuren seines Gro\u00dfvaters gefunden, den er pers\u00f6nlich nie kennengelernt hat. Mein Vater hat mir erz\u00e4hlt, da\u00df er 54 Monate in Garaison gelebt hat. Das stimmt ungef\u00e4hr mit der Dauer des 1. Weltkriegs \u00fcberein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Krieg zerst\u00f6rte auch seine Familie. Seine Frau lie\u00df sich von ihm scheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Warum Maurice ebenfalls nach Garaison kam, wei\u00df ich nicht. Nach den Unterlagen im Archiv von Tarbes, die mein Sohn Hans Georg eingesehen hat, kam er am 17. Juli 1917 in Garaison an und hat das Lager zusammen mit seinem (und meinem) Vater am 15. August 1918 verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Warum ein Kind im Alter von 7 Jahren in einer M\u00e4nnergesellschaft leben mu\u00dfte, habe ich nie verstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Eheleute Briel haben meinen Vater in der ganzen Zeit unterst\u00fctzt, wahrscheinlich auch finanziell. Die Verbindung zu den Eltern Briel und auch zu den Schw\u00e4gerinnen Adrienne und Flore hat ein ganzes Leben lang gehalten. Zu meinem zweiten Vornamen (Adrien) hat Adrienne Pate gestanden. Adrienne ist sehr fr\u00fch an Tuberkulose verstorben, L\u00e9ona mu\u00df bald nach dem 1. Weltkrieg bei einem Unfall ums Leben gekommen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die deutschen Internierten konnten sich in ihrem Lager frei bewegen. Wer handwerklich geschickt war, konnte sich auch etwas hinzuverdienen. Aus dieser Zeit hat mein Vater mehrere kleine Abbildungen aus dem Lagerleben mitgebracht. Das waren kleine Holzscheiben, handtellergross, die Ansichtseite glatt geschliffen und mit Intarsien versehen, die wichtige Pers\u00f6nlichkeiten abbildeten. Ich denke da besonders an den Wachtposten in roter Hose, das Gewehr in der Hand mit aufgestecktem Bajonett, Inschrift: &#8222;L&#8217;\u00c9tat c&#8217;est moi&#8220;. Von dieser Art waren mehrere Medaillons in meinem Kinderzimmer aufgeh\u00e4ngt. Bei einem Umzug wurden diese Andenken weggepackt und heute wei\u00df ich nicht, wo ich sie wieder finden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Albert Schweizer geh\u00f6rte als Els\u00e4sser ebenfalls zu den Gefangenen. Er behandelte meinen Vater, der an einer schweren Gelbsucht erkrankte, mit den Mitteln, die erreichbar waren, und das war Cognac! Davon hat mein Vater oft erz\u00e4hlt &#8211; zur Heiterkeit seiner Freunde. Mit einigen Leidensgef\u00e4hrten blieb die Verbindung auch nach dem Krieg bestehen. Das waren Franz Meier, Johnny B\u00fcchs, Peter Weber, Hinrich Geerken und J\u00fcrgen Toedter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bei seiner eigenen Familie in Oldenburg fanden mein Vater und Maurice eine wenig freundliche Aufnahme. Die Br\u00fcder m\u00fcssen ihn beschimpft haben &#8222;Du mit Deinem Franzosen-Balg&#8220;. In diese Zeit fiel auch der Tod seiner Mutter. Bei der Beerdigung meines Vaters im Jahre 1955 erz\u00e4hlte Onkel Gustav, mein Vater habe am Grab seiner Mutter hemmungslos geweint. Das habe ich nie vergessen k\u00f6nnen. So habe ich meinen Vater nie erlebt. Er war immer tapfer, seine Freunde bezeichneten ihn als &#8222;Stehauf-M\u00e4nnchen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aus Garaison hatte mein Vater eine Tuberkulose mitgebracht. Er suchte Heilung in Leysin oberhalb des Genfer Sees. Dort lernte er meine Mutter kennen, die ihren ebenfalls an Tuberkulose erkrankten Bruder pflegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Meine Mutter war Vollwaise. Finanzieller R\u00fcckhalt war ihr Erbanteil an einer alteingesessenen K\u00f6lner Firma, einer Weinbrennerei und Lik\u00f6rfabrik. Ihr Onkel Franz f\u00fchrte diese Firma und verwehrte ihr die Mitarbeit, weil sich das f\u00fcr Frauen nicht schicke. Auch sie war in Not.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zur\u00fcck in K\u00f6ln &#8211; so erz\u00e4hlte meine Mutter &#8211; stand Herr Bartels eines Tages in der T\u00fcre. Voller Erstaunen fragte sie: &#8222;Herr Bartels, was machen Sie denn hier?&#8220; Mein Vater antwortete: &#8222;Ich arbeite jetzt bei der Deutschen Bank in K\u00f6ln.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Gef\u00fchle meiner Mutter waren vermutlich zwiesp\u00e4ltig, lebte sie doch in der engstirnigen und streng katholischen Stadt K\u00f6ln. Ein geschiedener Mann, evangelisch und mit einem Kind? Tante Hermine, eine geb\u00fcrtige Holl\u00e4nderin sagte: &#8222;Du mu\u00dft Dich entscheiden zwischen Deiner Familie und Herrn Bartels&#8220;. Meine Mutter antwortete: &#8222;Ich habe mich entschieden!&#8220; stand auf, verlie\u00df das Zimmer, schlug die T\u00fcr zu (und h\u00f6rte noch, wie die Delfter Teller von der Wand fielen und auf dem Boden zerschepperten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was aber wurde aus Maurice? Meine Mutter war 13 Jahre \u00e4lter als er. Sicherlich hat sie Maurice eine gute Mutter sein wollen. In seinen Briefen redete er sie als &#8222;Mutti&#8220; an. Letztendlich aber ging er nach Frankreich zur\u00fcck und wuchs bei seinen Gro\u00dfeltern auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Briels und meine Eltern besuchten sich gegenseitig und blieben st\u00e4ndig in Verbindung. Ich war stolz, wenn Maurice nach K\u00f6ln kam und ich an seiner Seite gehen durfte. Er war immerhin 23 Jahre \u00e4lter als ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Leider nahm Maurice eine Entwicklung, die seine Gro\u00dfeltern mit Sorge erf\u00fcllte. Um ihm eine feste Bleibe zu sichern, \u00fcbertrugen sie ihm das Eigentum an dem ehemaligen Kutscherhaus in Herblay, 70 Boulevard Joffre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im 2. Weltkreg war Maurice Soldat in der franz\u00f6sischen Arm\u00e9e. Er geriet in deutsche Gefangenschaft. Sein n\u00e4chstes Lebenszeichen kam aus Saigon. Ein Foto zeigt ihn beim Spaziergang in Begleitung von zwei jungen Frauen. Hatte er sich verlobt? Er war dort &#8211; unter anderem &#8211; Angestellter der Fluglinie Air France.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Schlacht von Di\u00ean Ph\u00fa 1954 kehrte er ausgemergelt und heruntergekommen nach Europa zur\u00fcck. Die Gro\u00dfmutter, Madame Briel geb. Jonch\u00e9ry, lebte nicht mehr. Mein Vater lie\u00df ihn nach K\u00f6ln kommen, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Er brauchte neue Kleidung, ein neues Gebiss, eine neue Besch\u00e4ftigung. Meine neugierige Frage nach den beiden jungen Damen fand auch eine Antwort: Sie geh\u00f6rten zu seinen Angestellten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Maurice fuhr anschlie\u00dfend wieder nach Paris zur\u00fcck. Wir h\u00f6rten nur noch selten von ihm. Er schrieb &#8222;j&#8217;ai \u00e9norm\u00e9ment \u00e0 faire&#8220;, aber was er trieb, verriet er nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Juli 1955 erkrankte mein Vater an einer schweren Bronchitis. Von Flore, der Schw\u00e4gerin meines Vaters aus erster Ehe, kam ein Brief mit einem Zeitungsausschnitt, wonach das Haus 70 Boulevard Joffre versteigert werden sollte. Umgehend schrieb mein Vater an Maurice, er m\u00f6ge sich doch melden: vielleicht k\u00f6nne er das Haus f\u00fcr Maurice ersteigern. Maurice gab keine Antwort. Wenige Tage sp\u00e4ter verstarb mein Vater. Am 7. August 1955 schrieb Maurice, an dem Begr\u00e4bnis habe er nicht teilnehmen k\u00f6nnen, weil seine Gesch\u00e4fte momentan sehr schwierig seien und ihn daran hinterten, sich zu entfernen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Maurice war nun auch Erbe meines Vaters. Meine Eltern hatten durch die Fliegerangriffe im Krieg alles verloren, nur das Grundst\u00fcck war noch da, das meinem Vater geh\u00f6rte. Um Maurice den Erbanteil auszuzahlen, h\u00e4tte das Grundst\u00fcck verkauft werden m\u00fcssen. Maurice erkl\u00e4rte aber, dass er darauf keinen Anspruch erhebe. Lediglich die Briefmarkensammlung meines Vaters wollte er mitnehmen. Jetzt erst, mit dem Schreiben dieser Zeilen, ist mir klar geworden, wie gro\u00dfz\u00fcgig er sich gegen\u00fcber meiner Mutter und mir verhalten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Von Maurice haben wir nie wieder etwas geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In den 70er Jahren habe ich versucht, mit Hilfe franz\u00f6sischer Freunde seine Spur zu verfolgen. Ich wu\u00dfte, dass er im 17. Arrondissement geboren wurde. Dort erfuhren wir die Anschrift des Krankenhauses, in dem er am 10. August 1972 verstarb (H\u00f4pital L\u00e9opold Bellan). Weiter f\u00fchrte unser Weg zu seiner Arbeitsstelle, einer Versicherung. Die Personalbeauftragte war erfreut, da\u00df sie mir die noch vorhandenen Unterlagen aush\u00e4ndigen konnte. Schlie\u00dflich suchten wir noch die Wohnadresse meines Bruders auf, in Hoffnung, etwas aus seinen letzten Lebensjahren zu erfahren. Der Wohnungsnachbar, ein Arbeitskollege meines Bruders, war ganz erstaunt zu erfahren, dass Maurice deutsche Verwandte habe. Maurice habe immer von Verwandten in D\u00e4nemark gesprochen, zu denen es aber keinen Kontakt gebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Maurice wurde am 16. August 1972 in einem namenlosen Grab auf dem Friedhof Thiais im Pariser S\u00fcden beerdigt (Liegedauer 5 Jahre).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Zeiten von Google kann man auch danach suchen, was aus dem Kutscherhaus 70 Boulevard Joffre in Herblay wurde. Und siehe da: das Haus gibt es noch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Bernt Bartels, K\u00f6ln, 10.5.2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ERINNERUNGEN von Bernt Bartels Bericht in franz\u00f6sischer Sprache Mein Vater, Hans Boike Bartels, ist 1886 als J\u00fcngster von 6 Br\u00fcdern und 1 Schwester in Oldenburg auf einem Bauernhof geboren. 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